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Macht und Ohnmacht - im Gemeinschaftsleben
von Markus Euler
Schon im
Studium habe ich mich mit dem Thema Autorität,
Macht und Herrschaft beschäftigt. Seit ich in
Gemeinschaft lebe, ist dieses Thema noch einmal näher
an mich herangerückt. Es geht nicht mehr um die
akademischen Fragen, wie Macht entsteht und was Herrschaft
legitimiert. Vielmehr geht es darum, in konkreten
Strukturen mit Machtunterschieden klar zu kommen und
bestehende Probleme auf dieser Basis zu klären.
In diesem
Zusammenhang fühle ich mich in der Gemeinschaft
immer mal wieder genauso ohnmächtig, wie in der
normalen Gesellschaft. Ich glaube dann, ich sei nur
ein einsamer Rufer in der Wüste, der nichts verändern
kann. Unter dem Gesichtspunkt, dass die Grundgesamtheit
in der Gemeinschaft wesentlich kleiner ist als in
der ganzen Gesellschaft, müsste meine Stimme
hier ein größeres Gewicht haben.
Hat sie wahrscheinlich auch. Einer von 90 (im Zegg),
ist doch mehr als einer von 80 Millionen (in Deutschland).
Aber das heißt nicht, dass ich mich auch so
fühle. Was ich zu mir selbst sage, ist von besonderer
Bedeutung in dem Zusammenhang, wie mächtig ich
mich fühle.
Besonders aufgefallen ist mir dies, als wir
in unsere Gemeinschaft eine kleine Küchenkrise
hatten. Wir sind hier so organisiert, dass
jeder in einer Kochgruppe ist, die jeweils einen Tag
in der Woche fürs Kochen und Spülen in der
Küche zuständig ist. In jeder Gruppe sind
ungefähr zehn Personen und sie verteilen untereinander
dann die Dienste, die zu machen sind. Wenn Menschen
die Gemeinschaft verlassen bzw. neue hinzukommen,
versuchen wir es immer so zu gestalten, dass die Personenanzahl
der Kochgruppen in etwa gleich bleiben. Durch größere
Fluktuationen war es aber dazu gekommen, dass sich
in einer Kochgruppe nur noch 5 Personen befanden und
sie damit nicht mehr arbeitsfähig war. Sie waren
nicht mehr in der Lage, das Pensum zu bewältigen,
was zu bewältigen war. Das heißt, sie schafften
es schon noch irgendwie mit heldenhafter Selbstaufopferung,
aber es war ziemlich ungerecht, da die Menschen in
gut besetzten Kochgruppen wesentlich weniger arbeiten
mussten.
Es war uns also klar, dass diese Gruppe zusätzliche
Personen brauchte. Die Versuche von anderen Gruppen
Personen abzuwerben scheiterten. Teils weil die Menschen
ihre vertraute Gruppe nicht verlassen wollten, teils
weil man in der Gruppe befürchtete, dann ihrerseits
zu wenige zu sein. Es war uns klar, dass wir eine
Lösung nur mit der gesamten Gemeinschaft herbeiführen
konnten. So beriefen wir ein Plenum ein, das versuchen
sollte, eine Lösung für dieses Problem zu
finden. Ein Plenum ist in unse-rer Gemeinschaft ein
Treffen, zu dem alle Gemeinschaftsmitglieder eingeladen
sind und an dem die Anwesenden berechtigt sind, eine
Entscheidung zu fällen.
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Markus Euler
lebt seit 10 Jahren in Gemeinschaft,
davon 4 Jahre im Zegg.
Er unterstützt
Menschen in Workshops
und Einzelcoachings auf ihrem Weg zu ihrem authentischen
Selbstausdruck.
www.hermescoaching.de
www.zegg.de
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Zum Plenum waren nicht alle da. Das kommt häufiger
vor in unserer Gemeinschaft, denn hier leben vielbeschäftigte
Menschen. Wir entschieden, die Kochgruppen einmal
aufzustellen. Also stellten sich alle Menschen zusammen,
so wie sie derzeit in den Gruppen aufgeteilt waren.
Die Namen der fehlen-den Menschen schrieb man auf
Zettel, die man an die entsprechenden Stellen legte.
Es wurde sofort offensichtlich, dass eine Gruppe viel
kleiner war als alle anderen. Die Versuche, Leute
so hin und her zu schieben, dass alle Gruppen gleich
viele Personen hatten, scheiterten wie vorher, aus
denselben Grün-den.
Ich hielt mich aus dem Ganzen heraus. Ich dachte,
ich könnte nichts zur Lösung beitragen.
Meine Kochgruppe war noch groß genug. Ich war
zwar nicht wirklich gerne in dieser Gruppe, aber es
störte mich auch nichts Besonderes. Ich wollte
vor allem nicht in eine kleinere Gruppe hinein. Als
die Situation ausweglos erschien, fühlte auch
ich mich ohnmächtig etwas zu tun. Allerdings
sagte ich, einem sponta-nen Impuls folgend: „Ich
würde eigentlich gerne mit den Menschen kochen,
die ich mag.“ Die Äußerung wurde
wohlwollend aufgenommen. Niemand hatte jedoch eine
Idee, wie uns diese Ausrichtung einer Lösung
näherbringen sollte. Der ganze Prozess war ins
Stocken geraten.
Da offensichtlich nichts
mehr half und es auch nicht so weitergehen konnte,
wie es war, beschlossen wir, auch verrückte Lösungen
in Betracht zu ziehen. Es war ja so, dass jedem
das Problem bewusst war, es niemanden gab, der die
Macht hatte, es durch Anweisung von oben vom Tisch
zu fegen, bzw. jemanden dazu zu zwingen, die Gruppe
zu wechseln. Also sagte eine Kommunardin: „Ich
fand die Idee, die der Markus gesagt hatte, ganz interessant.“
Ich fand es interessant, dass sie es als Idee bezeichne-te.
Also solche hatte ich meine Aussage gar nicht gesehen.
Ich hatte eigentlich „nur“ meine Bedürfnisse
ausgedrückt. Dem Gesamtprozess wollte ich damit
nicht im Weg stehen. Doch mit einem Mal kam mir der
Gedanke, dass ich dem Gesamtprozess wohl damit im
Weg stand, dass ich meine Bedürfnisse nicht formulierte,
nicht voll und ganz für das ging, was ich wollte.
Unterstützt durch die Äußerung meiner
Genossin, besann ich mich darauf, für meine Bedürfnisse
zu gehen. Das kann man getrost Empowerment zur rechten
Stunde nennen, denn der Fortgang des Ple-nums gab
ihr Recht. Ich sah mich im Raum um. Leider waren alle,
mit denen ich gerne in einer Gruppe wäre, grade
nicht da. Allerdings lagen ihre Namen auf Zetteln
geschrieben herum. Ich fasste also mei-nen Mut, meine
Autorität und meine Macht zusammen und nahm mir
einfach die Zettel, die ich wollte, und legte sie
um mich herum. Flugs war eine neue Kochgruppe gegründet
und ich war zwangsläufig ihr Foculizer. Die restlichen
Menschen, inklusive Zetteln, die noch übrig waren,
fanden sich schnell zu wei-teren Kochgruppen zusammen
– und zwar ohne größere Probleme.
Für mich war
dieses Erlebnis ein Beweis für mehrere Weisheiten,
die etwas darüber aussagen, wie Gemeinschaft
funktioniert.
Erstens: Wenn jeder für sich
selbst sorgt, ist für alle gesorgt.
Zweitens: Jeder kann etwas zur Lösung
beitragen, auch wenn er es nicht denkt.
Drittens: Manchmal braucht es einen
Stups von außen, damit du tust, was du ohnehin
tun willst.
Der geschilderte Prozess liegt jetzt ungefähr
3 Jahre zurück und unsere Kochgruppen funktionieren
immer noch tadellos. Für
mich ist der Prozess immer wieder ein Zeichen, dass
wenn man in unserer Gemeinschaft etwas will und die
Zeit gekommen ist, man sie auch vollends umkrempeln
kann. Wir sind offen und frei genug dafür, auch
verrückte Lösung umzusetzen.
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