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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: >14.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Feb/März 11  

 
Macht und Ohnmacht - im Gemeinschaftsleben
von Markus Euler

Schon im Studium habe ich mich mit dem Thema Autorität, Macht und Herrschaft beschäftigt. Seit ich in Gemeinschaft lebe, ist dieses Thema noch einmal näher an mich herangerückt. Es geht nicht mehr um die akademischen Fragen, wie Macht entsteht und was Herrschaft legitimiert. Vielmehr geht es darum, in konkreten Strukturen mit Machtunterschieden klar zu kommen und bestehende Probleme auf dieser Basis zu klären.

In diesem Zusammenhang fühle ich mich in der Gemeinschaft immer mal wieder genauso ohnmächtig, wie in der normalen Gesellschaft. Ich glaube dann, ich sei nur ein einsamer Rufer in der Wüste, der nichts verändern kann. Unter dem Gesichtspunkt, dass die Grundgesamtheit in der Gemeinschaft wesentlich kleiner ist als in der ganzen Gesellschaft, müsste meine Stimme hier ein größeres Gewicht haben.
Hat sie wahrscheinlich auch. Einer von 90 (im Zegg), ist doch mehr als einer von 80 Millionen (in Deutschland). Aber das heißt nicht, dass ich mich auch so fühle. Was ich zu mir selbst sage, ist von besonderer Bedeutung in dem Zusammenhang, wie mächtig ich mich fühle.

Besonders aufgefallen ist mir dies, als wir in unsere Gemeinschaft eine kleine Küchenkrise hatten. Wir sind hier so organisiert, dass jeder in einer Kochgruppe ist, die jeweils einen Tag in der Woche fürs Kochen und Spülen in der Küche zuständig ist. In jeder Gruppe sind ungefähr zehn Personen und sie verteilen untereinander dann die Dienste, die zu machen sind. Wenn Menschen die Gemeinschaft verlassen bzw. neue hinzukommen, versuchen wir es immer so zu gestalten, dass die Personenanzahl der Kochgruppen in etwa gleich bleiben. Durch größere Fluktuationen war es aber dazu gekommen, dass sich in einer Kochgruppe nur noch 5 Personen befanden und sie damit nicht mehr arbeitsfähig war. Sie waren nicht mehr in der Lage, das Pensum zu bewältigen, was zu bewältigen war. Das heißt, sie schafften es schon noch irgendwie mit heldenhafter Selbstaufopferung, aber es war ziemlich ungerecht, da die Menschen in gut besetzten Kochgruppen wesentlich weniger arbeiten mussten.

Es war uns also klar, dass diese Gruppe zusätzliche Personen brauchte. Die Versuche von anderen Gruppen Personen abzuwerben scheiterten. Teils weil die Menschen ihre vertraute Gruppe nicht verlassen wollten, teils weil man in der Gruppe befürchtete, dann ihrerseits zu wenige zu sein. Es war uns klar, dass wir eine Lösung nur mit der gesamten Gemeinschaft herbeiführen konnten. So beriefen wir ein Plenum ein, das versuchen sollte, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Ein Plenum ist in unse-rer Gemeinschaft ein Treffen, zu dem alle Gemeinschaftsmitglieder eingeladen sind und an dem die Anwesenden berechtigt sind, eine Entscheidung zu fällen.
  

 

 
Markus Euler - Zeitschrift "einfach JA"
  
  
Markus Euler
lebt seit 10 Jahren in Gemeinschaft,
davon 4 Jahre im Zegg.

Er unterstützt Menschen in Workshops
und Einzelcoachings auf ihrem Weg zu ihrem authentischen Selbstausdruck.
www.hermescoaching.de




Kinder in der ZEGG-Küche  - Zeitschrift "einfach JA"

www.zegg.de

  
Zum Plenum waren nicht alle da. Das kommt häufiger vor in unserer Gemeinschaft, denn hier leben vielbeschäftigte Menschen. Wir entschieden, die Kochgruppen einmal aufzustellen. Also stellten sich alle Menschen zusammen, so wie sie derzeit in den Gruppen aufgeteilt waren. Die Namen der fehlen-den Menschen schrieb man auf Zettel, die man an die entsprechenden Stellen legte. Es wurde sofort offensichtlich, dass eine Gruppe viel kleiner war als alle anderen. Die Versuche, Leute so hin und her zu schieben, dass alle Gruppen gleich viele Personen hatten, scheiterten wie vorher, aus denselben Grün-den.

Ich hielt mich aus dem Ganzen heraus. Ich dachte, ich könnte nichts zur Lösung beitragen. Meine Kochgruppe war noch groß genug. Ich war zwar nicht wirklich gerne in dieser Gruppe, aber es störte mich auch nichts Besonderes. Ich wollte vor allem nicht in eine kleinere Gruppe hinein. Als die Situation ausweglos erschien, fühlte auch ich mich ohnmächtig etwas zu tun. Allerdings sagte ich, einem sponta-nen Impuls folgend: „Ich würde eigentlich gerne mit den Menschen kochen, die ich mag.“ Die Äußerung wurde wohlwollend aufgenommen. Niemand hatte jedoch eine Idee, wie uns diese Ausrichtung einer Lösung näherbringen sollte. Der ganze Prozess war ins Stocken geraten.

Da offensichtlich nichts mehr half und es auch nicht so weitergehen konnte, wie es war, beschlossen wir, auch verrückte Lösungen in Betracht zu ziehen. Es war ja so, dass jedem das Problem bewusst war, es niemanden gab, der die Macht hatte, es durch Anweisung von oben vom Tisch zu fegen, bzw. jemanden dazu zu zwingen, die Gruppe zu wechseln. Also sagte eine Kommunardin: „Ich fand die Idee, die der Markus gesagt hatte, ganz interessant.“ Ich fand es interessant, dass sie es als Idee bezeichne-te. Also solche hatte ich meine Aussage gar nicht gesehen. Ich hatte eigentlich „nur“ meine Bedürfnisse ausgedrückt. Dem Gesamtprozess wollte ich damit nicht im Weg stehen. Doch mit einem Mal kam mir der Gedanke, dass ich dem Gesamtprozess wohl damit im Weg stand, dass ich meine Bedürfnisse nicht formulierte, nicht voll und ganz für das ging, was ich wollte.

Unterstützt durch die Äußerung meiner Genossin, besann ich mich darauf, für meine Bedürfnisse zu gehen. Das kann man getrost Empowerment zur rechten Stunde nennen, denn der Fortgang des Ple-nums gab ihr Recht. Ich sah mich im Raum um. Leider waren alle, mit denen ich gerne in einer Gruppe wäre, grade nicht da. Allerdings lagen ihre Namen auf Zetteln geschrieben herum. Ich fasste also mei-nen Mut, meine Autorität und meine Macht zusammen und nahm mir einfach die Zettel, die ich wollte, und legte sie um mich herum. Flugs war eine neue Kochgruppe gegründet und ich war zwangsläufig ihr Foculizer. Die restlichen Menschen, inklusive Zetteln, die noch übrig waren, fanden sich schnell zu wei-teren Kochgruppen zusammen – und zwar ohne größere Probleme.

Für mich war dieses Erlebnis ein Beweis für mehrere Weisheiten, die etwas darüber aussagen, wie Gemeinschaft funktioniert.
Erstens: Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt.
Zweitens: Jeder kann etwas zur Lösung beitragen, auch wenn er es nicht denkt.
Drittens: Manchmal braucht es einen Stups von außen, damit du tust, was du ohnehin tun willst.

Der geschilderte Prozess liegt jetzt ungefähr 3 Jahre zurück und unsere Kochgruppen funktionieren immer noch tadellos. Für mich ist der Prozess immer wieder ein Zeichen, dass wenn man in unserer Gemeinschaft etwas will und die Zeit gekommen ist, man sie auch vollends umkrempeln kann. Wir sind offen und frei genug dafür, auch verrückte Lösung umzusetzen.