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Unser Abschied war intensiver und herzlicher als sonst,
wir wollten gar nicht von einander lassen. Wir winkten
so lange, bis wir den anderen nicht mehr sahen. Als
ich zu meinem Sitzplatz ging sagte es in mir, „so
siehst Du ihn nicht wieder“. Ich erschrak und
augenblicklich sagte mein Verstand, „ Quatsch
– warum sollst Du ihn so nicht wieder sehen“
Drei Stunden später dann dieser Anruf, der mich
in eine Krise stürzen, der unser, mein Leben
völlig verändern sollte.
Mein Mann war in seiner Wohnung schwer gestürzt,
er hatte sich beim Essen derart verschluckt, dass
er ohnmächtig wurde, stürzte und sich schwer
am Rücken verletzte.
Er erzählte mir dies zitternd und völlig
atemlos am Telefon. Ich bat ihn, zum Arzt zu gehen,
was er nicht wollte, aber letztendlich auf intensives
Bitten hin, auch durch unsere Tochter doch einen Arzt
aufsuchte.
Die Diagnose nach dem Röntgenbefund war verheerend
– Bronchialkarzinom!
Er musste sich verschlucken, er musste ohnmächtig
werden, er musste stürzen…, um von seiner
Krankheit zu erfahren…, diese Diagnose war unglaublich,
wirkte er doch völlig gesund.
Ich überlegte nicht, ich handelte… und
das wie eine Besessene und vergaß mich dabei
völlig.
Ich konsultierte Ärzte, ließ mir Ernährungshinweise,
Behandlungsmethoden usw., usf. nennen… regelte
das Nötigste in meiner Kanzlei, ich arbeitete
selbständig und ohne Mitarbeiterin …, fuhr
die 250 km Entfernung zu ihm mit einem Taxi, um so
schnell wie möglich bei ihm zu sein und begleitete
ihn auf seinem Weg in die Klinik und ein Stück
in der Klinik.
Ich weinte viel, heimlich, machte meinem Mann, wenn
ich an seinem Bett war, Hoffnung.
Ich glaubte, mein Leben bricht zusammen, meine Basis
bricht weg, mein Mann, mit dem ich trotz Trennung
inniglich verbunden war, wir waren 41 Jahre verheiratet,
ist unheilbar krank, wird sterben…, es widerstrebte
mir, an Sterben nur zu denken, geschweige davon zu
reden…
Ich hatte meinen Mann nach der Klinik zu mir geholt,
um mich zu kümmern, ihn zu pflegen, ihm beizustehen,
wenn er nachts im Bett neben mir Blut gehustet hat.
Ein knappes Jahr haben wir gekämpft, immer wieder
Hoffnung gehabt –
Der Tod war stärker, er kam im August 2010, in
einer Universitätsklinik, dennoch überraschend,
denn wir hatten am Abend vorher noch Pläne geschmiedet.
Ich war starr vor Schreck, vor Trauer, vor Schuldgefühle,
vor…, was weiß ich, es brach eine Welt
zusammen, wenn sie auch nicht heil war, dennoch war
zwischen ihm und mir immer Liebe, wir waren seit meinem
16 Lebensjahr zusammen…und das sollte jetzt
ab sofort nicht mehr sein? – undenkbar für
mich.
Seine Krankheit, sein Tod forderte mich in jeder Hinsicht.
Ich musste unser Haus verkaufen, weil ich es allein
nicht halten konnte, löste meine Rechtsanwaltskanzlei
auf, verschenkte Sachen; Möbel noch und nöcher,
ich zog um, in ein anderes Bundesland, dort blieb
ich nur ein Jahr und zog noch einmal um.
Ich habe allein immens viel leisten müssen, ich
war und bin praktisch entwurzelt, dennoch habe ich
jetzt mit 61 Jahren zum dritten Mal meine Existenz
aufgebaut und auch dies mit ganzer Kraft, obwohl ich
nach dem Tod meines Mannes innerhalb von 9 Monaten
noch drei weitere, mir sehr nahestehende Menschen
verloren habe.
Aus meinem Leben sind somit innerhalb kurzer Zeit
vier Menschen geschieden.
Ich bin immer noch dabei, meine Trauer zu „bearbeiten“
– heute beginnt für mich eine Kur- denn
allein schaffe ich es nicht, wenn der Körper
durch die viele Last, die ich im wahrsten Sinne des
Wortes in den letzten beiden Jahren getragen habe,
nur noch schmerzt.
Trotz meiner vielen Aktivitäten in dieser Zeit,
war ich viel für mich allein, saß einfach
nur so da, weinte, weinte, weinte…, klagte,
beschuldigte mich…, bis das Weinen weniger wurde
und ich immer näher kam und komme, einem Lichtstrahl,
einem Lichtblick, der mir sagt, dass es weiter geht,
eben nur anders, und das aber gewaltig, denn ich erkenne
mich, erkenne was und wer ich bin, wie stark ich eigentlich
bin, wie erfahren ich geworden bin, dass in mir immer
mehr die Kraft, das Gefühl, die „Weisheit“
erwächst, anderen Menschen auf ihrem Lebensweg
zu helfen, zu begleiten. Meine Schule war und ist
mein Leben, in dem ich so viele Lebenslernfächer
belegte, dass ich imstande bin, mein Wissen an die
weiterzugeben, die einen Lebenslehrer brauchen wie
mich.
Vor 20 Jahren, nach der Vereinigung Deutschlands habe
ich mich als Rechtsanwältin selbständig
gemacht. Um den Menschen noch besser helfen zu können,
belegte ich noch eine Ausbildung zur Mediatorin –
außergerichtliche Streitschlichtung –
um dann letzten Endes noch eine Ausbildung als Lebensberaterin
nach Kurt Tepperwein zu absolvieren.
Auf diesem Weg gehe ich nun schon einige Zeit, bin
mal abgebogen, oder habe oft inne gehalten, um mich
von all’ den schweren Lasten, die ich getragen
hatte, zu erholen…, so dass ich jetzt endgültig,
nach einer Erholungskur noch, gestärkt aus meiner
großen Lebenskrise hervor gehe und als neuer
Mensch, als Lebenslehrer meinen Weg weiter gehe, auch
in Begleitung meines geliebten verstorbenen Mannes,
der mir den Weg geebnet, frei gemacht hat, um jetzt
von seinem Himmel aus zu beobachten, was ich daraus
mache… und wenn ich dann doch mal wieder traurig
bin, dann schau ich nach oben zu ihm hin und danke
ihm.
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