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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Dez/Jan 2018/19  

  
  
Versöhnung von Mann und Frau:

Schatten in der Beziehung erkennen
und auflösen
 
von Jörg M. Hirsch

  
  

Ein Streit beginnt in einer Partnerschaft.
Eigentlich begann die Beziehung vor einigen Monaten wild und romantisch. Man beschloss eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Alles war neu, aufregend, kein Hindernis schien gemeinsam unüberwindbar. Nachdem der Alltag Einzug gehalten hatte, sickerte so langsam in das Bewusstsein des Paares, dass die Macken des Anderen – die am Anfang so attraktiv erschienen – doch so langsam richtig nerven.
Dabei hatten doch beide so viel von sich für die Beziehung aufgegeben.
Aber hatte der andere dies bemerkt und wertgeschätzt? Natürlich nicht!
Zumindest in der Wahrnehmung des jeweils anderen. Es kommt zu einem Streit ... 

 

Schatten in der Beziehung - Jörg M. Hrisch
Bild (C) Jörg M. Hirsch

  
Jörg M. Hirsch
Theaterpädagoge, Arbeit in einer Suchtklinik, Männerarbeit, Tantra

Weitere Hinweise und Informationen zu dem beschriebenen Thema finden Sie auf seiner Homepage: www.theater-der-gefuehle.de
Kontakt: info@theater-der-gefuehle.de
   


Kurz nachdem die momentane Störung in der Beziehung dem jeweils anderen serviert wurde, packt man auch gleich den Rest obendrauf. Wurde ja auch mal Zeit und wenn man schon mal dabei ist, kann man auch gleich die anderen Probleme zur Sprache bringen. Langsam wird es unübersichtlich, aber egal, dem zeigen wir jetzt mal, wo es lang geht. Letztendlich stellen wir dem anderen ein Ultimatum und mit großem Getöse platzt die, ach so schöne, Beziehungskiste.
Es scheint, als habe man sich den größtmöglichen Feind in sein Bett eingeladen.
Vielleicht ein Haus gekauft, ein Kind ist unterwegs oder schon da, einer hat seinen Job aufgegeben, ein anderer den Wohnort gewechselt und 99% seines Freundeskreises verloren. Eine Trennung scheint unvermeidbar und absolut notwendig, um die Situation in den Griff zu bekommen und zu überleben. Emotional, aber auch ökonomisch?

Diese Geschichte klingt vielleicht hypothetisch und ist der schlimmste anzunehmende Gau einer Beziehung, aber ich kenne viele Menschen, denen es genau so, oder ähnlich, ergangen ist. Sie nicht?

Es geht gegen alle Konventionen der Psychotherapie, aber ich behaupte, dass eine Beziehung der beste Ort ist seine Schatten - die hier für mich ganz offensichtlich die Regie geführt haben - aufzulösen. Weil sie nur in dem Moment, wo sie aktiv sind, wirklich gefühlt, gesehen und aufgelöst werden können. Eine Meditation mit dem inneren Kind hilft da nicht. Auch kein entspanntes Gespräch mit einem Psychologen auf der Couch. Weil, da ist dann kein Schatten. Der versteckt sich gerade im Stammhirn und ist damit für rationale Erklärungen unerreichbar.

Aber betrachten wir doch mal die oben angenommene Geschichte etwas genauer.

Ich bin ein Fan von Genen und Hormonen. Ich glaube nicht, dass wir bewusst genug sind diesen Einfluss wahrzunehmen, den uns unsere Vorfahren als ultimative Überlebensstrategie implementiert haben. Desweiteren bin ich, im Laufe meiner Arbeit als Theaterpädagoge in einer Suchtklinik, zu dem Ergebnis gekommen, dass frühere Traumas auf Grund des Einsatzes des falschen Gefühls in einer Situation oder einfach dem Ausgesetztsein einer traumatischen Situation zu einem Schatten in unserem Stammhirn und Körper führen. Letztendlich auch zu einer Sucht. Und wer glaubt, frei von einer Sucht zu sein, werfe den ersten Stein.
Ein Kriegstrauma, dass ist wissenschaftlich bewiesen, wird über drei Generationen hinweg vererbt.

Was ist passiert? Unsere Gene und Pheromone leiten uns zielsicher zu dem bestmöglichen Partner für unseren Nachwuchs. Unsere Schatten zu dem bestmöglichen Partner zur Wiederholung unserer Traumata.
Damit das eingeleitet werden kann, benutzt der Schatten unsere zu Emotionen geronnenen alten Gefühle: Wut, Trauer, Angst, Freude und Scham.
Zeichnet sich nun in einer Beziehung eine ähnliche Situation ab, wie die, die zu unserem Trauma geführt hat, übernimmt der Schatten die Regie. Das ist nicht böse gemeint sondern ein Selbstheilungsprozess.
Gleichzeitig weckt er alle Schatten in seinem Umfeld, denn auch die möchten an dem „Event“ teilnehmen. Der Radius ist größer, als Sie es sich vorstellen können, und die Macht und Möglichkeiten eines Schattens unübersehbar.

Woran merken wir nun dass, unser Schatten aktiv ist?
In meinen Kursen lege ich bei den Übungen sehr viel Wert darauf, dass die Teilnehmer ein permanentes Bewusstsein darüber erlangen, mit welchem der fünf oben genannten sozial relevanten Gefühle sie gerade verbunden sind oder welche fehlen. Sie sind der Wegweiser zu der Ursprungssituation des Traumas, wo der Schatten entstanden ist. Ist die emotionale Reaktion auf den Konflikt angemessen?
Zu viel Wut, als Reaktion auf ein Verhalten des anderen, ist z.B. ein sicheres Zeichen. Oder Angst, bis zum Erstarren. Keine Trauer zulassen zu können. Keine Freude mehr zu empfinden oder alles lächerlich zu machen. Sich für alles verantwortlich zu fühlen, zu schämen, für etwas, was nicht funktioniert.
Oft entsteht ein „Layer Cake“ (Kuchen mit vielen Schichten) - auf das Ursprungsproblem wird das Nächste gepackt und noch eins, bis man die Orientierung verloren hat, um was es eigentlich ging und der Konflikt unlösbar erscheint.
Ein mulmiges Gefühl im Kopf, Gedankenschleifen, Ohrwurm. Eine Trennung scheint die einzige Lösung zu sein oder man führt eine On-Off-Beziehung. Wiederholungsschleifen der gleichen/ähnlichen Situation mit demselben oder dem nächsten Partner. Gewaltfantasien oder auch das Ausleben selbiger - als Täter oder Opfer.
Man hat den Eindruck ferngelenkt zu werden, kann sich nicht erklären, wie es zu der Situation kam, man hat sich doch wirklich bemüht, alles richtig zu machen und dabei hat man anscheinend und tatsächlich etwas Wichtiges übersehen oder eine Information nur so weitergegeben, dass zwangsläufig ein Missverständnis entstehen musste, was dann zu dem Streit geführt hat.

Wie kommt nun die Versöhnung zustande?
Mindestens einer der beiden Partner muss aufwachen und den Schatten des anderen (aus-)halten. Man wacht in dem Moment auf, wenn man der Emotion zu ihrem Ursprung folgt. Man fühlt sich wie damals, als dies oder jenes passiert ist und erkennt, dass der andere hier gerade nur eine Stellvertreterrolle eingenommen hat.
In meinen Kursen stelle ich diese Situationen mit Mitteln des Theaters nach.
Eine Möglichkeit hier aufzuwachen ist der Satz: „Mein Liebling, was brauchst du gerade?“
Hier wird auch die Wahrheit hinter der Erkenntnis sichtbar, dass immer beide an einer Trennung oder einem Streit schuld sind. Beide sind/waren mit ihrem Schatten verbunden. Es ist immer eine Koproduktion.

Wenn man nicht in der Auseinandersetzung aufwachen kann, lasse man sich zumindest nicht zu Ultimaten oder finalen Entscheidungen hinreißen. Verlasse den Raum, aber nicht die Beziehung. Vereinbart eine Trennung auf Zeit, mit Beziehungskarenz zu anderen Partnern. Mindesten zwei bis drei Monate.
Erinnert euch an die Zeiten, die gut waren, und was ihr an dem anderen schätzt und liebt. Erinnert Euch an die Liebe, die Ihr für Euren Partner mal empfunden habt und verbindet Euch damit. Gebt Raum für Vergebung. Vergebung findet nur in der Entspannung statt.

Ein praktischer Tipp: Sehr hilfreich für die Entspannung ist es den Psoasmuskel, den Stressspeicher in unserem Körper, zu entleeren/zu entspannen. Das neurogene Zittern ist dafür hervorragend geeignet, kann alleine und ohne Gefahr einer Retraumatisierung selber durchgeführt werden.
Ich habe selbst erlebt, wie sich derselbe Konflikt mit meiner Partnerin, nachdem ich die Übung gemacht hatte, ganz anders anfühlte. Jetzt war einer von beiden entspannt, offen für einen völlig anderen Blickwinkel und der Streit konnte sich zu einem verständnisvollen Gespräch entwickeln. Andere Paare haben mir ähnliches berichtet.
Die einfache Technik des neurogenen Zitterns wurde von David Berceli entwickelt und nennt sich TRE. (Trauma Releasing Excersises). Siehe dazu auch zahlreiche Youtube-Videos mit Infos und Übungsbeschreibungen. Die Anleitung kann man bezeihen über www.tre-deutschland.de, oder www.niba-ev.de

Findet die Ursprungssituation Eures Schattens. Vergebt Euch und dem Gegenüber. Ihr alle wart damals unbewusst.
In den Ursprungssituationen habt ihr (oder der Partner) nicht anders handeln können - wart zu klein, zu schwach oder damals schon mit Schatten konfrontiert und habt ihn durch eure „Niederlage“ verstärkt.
Gehe im Bewusstsein Deines Fehlverhaltens zu Deinem Partner und erkläre ihm Deinen Anteil an dem Streit. Zeige ihm Deine Angst ihn zu verlieren, Deine Trauer, Deine Scham dich so ungebührlich verhalten zu haben.
Du wirst sehen und erleben, dass deine Wut in dem Moment kollabiert, wo er mit deiner Scham konfrontiert wird.
Jetzt kannst Du mit ihm über seinen Schatten reden und ihn befreien, indem Du ihn durch seine Emotionen zu seinem Ursprung führst. Seine Angst hinter der Wut sehen, seiner Trauer und seinen Tränen Raum geben.
Der Schatten wurde gesehen und gefühlt - das ist die Essenz für seine Auflösung.
Die Versöhnung hat stattgefunden.

Dieses Konzept lässt sich natürlich auf jede Form von Beziehungen übertragen oder anwenden. Unsere Eltern, Freunde, auf Kontakte im Berufsallltag.

Ich danke an dieser Stelle Vivian Dittmar, die mit ihren beiden Büchern „Beziehungsweise“ und „Gefühle und Emotionen“ den Weg in mir für diese Erkenntnisse und in mein Erwachen maßgeblich geebnet hat.