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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Dez/Jan 2018/19  

  
  
Geschlecht loslassen –
Oder: Versöhnung durch gleiche Möglichkeiten?
 
von Lina Love

  
Wie kann Versöhnung zwischen Mann und Frau gelingen, zwischen männlich und weiblich? Ich glaube, dass eine solche Versöhnung nur stattfinden kann, wenn wir
1.) achtsam gegenüber Diskriminierung werden und diese abbauen und wenn wir
2.) Geschlecht loslassen, oder unsere Vorstellungen davon.

Was meine ich damit?

 

  
   
     
   
Lina Love (geb. Adamczak)
ist Künstlerin und Philosophin aus Leidenschaft. Sie glaubt an die Kraft des gemeinsamen politischen Handelns. In ihrer virtuellen philosophischen Praxis bietet sie dazu Beratungen an.
Sie freut sich auch über Feedback zum Artikel. Kontakt: lebenskunst.sachsen@gmail.com
   


Die meisten von uns glauben Folgendes: Es gibt zwei Geschlechter. Man erkennt diese an ihren Geschlechtsorganen, oder auch an ihrem verschiedenen Wesen. Daran anschließend glauben wir, dass diese beiden Geschlechter bestimmte Eigenschaften haben, die wir uns ziemlich gegensätzlich vorstellen. Diese Gegensätze würden sich dann in Liebe und Sexualität anziehen und ausgleichen, sozusagen perfekt ergänzen.
Doch wenn Frauen und Männer und ihre jeweiligen Energien so gut ineinandergreifen würden wie Schwarz und Weiß im Yin-Yang-Symbol, wieso gibt es dann überhaupt Probleme zwischen den Geschlechtern? Einige würde vielleicht sagen, weil die Frauen den Kontakt zu ihrer weiblichen Ur-Energie verloren haben und die Männer zu ihrer männlichen. Ich möchte eine andere Antwort vorschlagen. Ich denke, es liegt eher an gesellschaftlicher Ungleichheit, und an diesem Schwarz-Weiß-Denken überhaupt.
Nun klingeln bei Manchem vielleicht Alarmglocken: Was wird das hier, Genderismus, Feminismus, Politik? Ich lächle und sage: Ja! Wenn wir uns mit Bewusstwerdung und Heilung beschäftigen, dann können wir aus vielen Einflüssen lernen, auch aus diesen. Auch Feministen, zumindest denen, die ich kenne, geht es um die Versöhnung aller Geschlechter. Nur wird eben von ihnen betont: Eine solche Versöhnung lässt sich nicht individuell und nicht rein geistig oder geistlich, allein im eigenen Kopf verwirklichen, sondern vielleicht sollten wir dazu unser Zusammenleben ändern.
Diese Sichtweise finde ich interessant und darum möchte ich sie hier teilen. Meine Ideen mögen kontrovers sein, aber vielleicht auch interessant für diejenigen, die sich dem öffnen wollen. Los geht's!

Feminismus hat sich immer dagegen gewendet, Weiblichkeit abzuwerten. Diese Abwertung betrifft nicht nur Frauen – denn auch 'Weiblichkeit' von Männern wird meist von der Umgebung bestraft. Unter Weiblichkeit wird sich von den meisten etwas Emotionales vorgestellt, etwas Weiches, Schwaches, Schutzbedürftiges, Passives, Aufnehmendes, und deshalb würde eine Frau einen Mann brauchen, der rational, hart, stark und aktiv ist. Manchmal wird es auch so dargestellt, dass wir alle Beides in uns hätten, eine Seite aber stärker ausgeprägt wäre. Manche sagen auch, Frauen wären eigentlich das stärkere Geschlecht. Prinzipiell gibt es aber schon recht klare Vorstellungen davon, wie eine 'normale' Frau oder ein 'normaler' Mann zu sein hat, was sie/er zu tun hat, und wer wen zu lieben hat: dass nämlich eine Frau einen Mann lieben muss und umgekehrt. Überraschenderweise tauchen solch starre Vorstellungen auch unter Menschen auf, die in Bezug auf andere Dinge sehr offen sind. Ich möchte vorschlagen, das als geschlechtliche oder sexuelle Glaubenssätze zu betrachten. Sie schränken unser aller Möglichkeiten ein, und viele leiden irgendwann in ihrem Leben darunter.
Ich glaube, dass die Probleme zwischen den Geschlechtern etwas mit Diskriminierung und Benachteiligung zu tun haben. Die Chance auf Versöhnung liegt darin, dass wir hinter die Kulissen der 'Gleichberechtigung' blicken und das sehen. Seien wir in unserem Alltag achtsam dafür und reden wir es uns nicht schön: Frauen und Weiblichkeit sind heute in unserer Gesellschaft immer noch abgewertet (manche sagen: diskriminiert), weibliche Arbeit wird oft geringgeschätzt und geringer bezahlt, Machtpositionen in der Gesellschaft sind mehrheitlich von Männern besetzt, Frauen sind häufig finanziell von Männern abhängig, Frauen machen den größten Teil der Opfer von Vergewaltigungen aus, Frauen sollen heute arbeiten und sich außerdem noch um Familie und Haushalt kümmern, leiden an permanenter Überlastung und und später an Altersarmut. Was soll diese Aufzählung? Nun, wenn es oft eben keinen Frieden, sondern Kämpfe zwischen Geschlechtern gibt, dann liegt das auch an ungleicher Verteilung von Ressourcen und Macht. Wie sollen sich, wenn solche Ungleichheit herrscht, die Geschlechter versöhnen? Wenn das Ziel Versöhnung ist, muss also Gleichheit zwischen den Menschen hergestellt werden. Nicht: Alle sollen gleich sein, aber: Alle sollen die gleichen Möglichkeiten haben. Alle sollen über ihr Leben, ihre Körper und ihre Sexualität selbst bestimmen können und alle sollen das gleiche Mitspracherecht darüber haben, wie wir zusammenleben wollen. So denke ich.

Aus meiner jahrelangen Recherche und Beschäftigung mit dem Thema habe ich außerdem gerlernt, dass die strenge Aufteilung in zwei Geschlechter eine recht moderne und europäische Erscheinung ist. Sie hat sich gemeinsam mit der kapitalistischen Wirtschaftsform entwickelt und ist 'nützlich' für diese. Wie etwas in unserer Welt wertgeschätzt wird, ist nicht nur eine Frage des individuellen Wollens. In einer Welt, die so funktioniert wie die heutige, haben sogenannte 'weibliche' Eigenschaften oft das Nachsehen gegenüber sognannten 'männlichen'. Wenn wir bestimmte Eigenschaften mit einem Geschlecht verbinden, bringt das in dieser Welt also schon eine Ungleichheit der Möglichkeiten von Frauen und Männern mit sich.

Versöhnung zwischen den Geschlechtern gelingt nur, wenn wir unser Denken über Männer und Frauen ändern. Doch unser Bewusst-Sein können wir nicht beliebig und nicht allein verändern, es hängt auch vom gesellschaftlichen Sein ab, also zum Beispiel davon, was wir tagtäglich erleben, wie unser Zusammenleben insgesamt gestaltet ist. Wenn wir die Ansichten über Männer und Frauen verändern wollen, dann müssen wir praktisch verändern, wer im Zusammenleben welche Positionen einnimmt, wer welche Aufgaben erfüllt, wer wie viel Macht hat usw. - da können wir vom Feminismus lernen.

Warum Loslassen: Wieso gibt es Frauen, die gar nicht in das Bild dessen passen (wollen oder können), wie eine Frau 'natürlich' ist? Wieso gibt es Menschen, die mit sogenannten 'uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen' zur Welt kommen? Wieso gibt es Menschen, die sich als Frau fühlen, während deren Umwelt sie immer wieder zum Mann zu machen versucht? Oder im Bereich der Sexualität: Wieso gibt es überhaupt Lesben, Schwule und Bisexuelle? Warum wird all diesen Menschen so oft gesagt, sie seien krank oder ihre geschlechtlichen Energien seien durcheinander?
Was krank ist und was gesund, ist immer wieder eine Frage der gesellschaftlichen Mehrheit und Macht. Ich denke nicht, dass diese Menschen krank sind, sondern dass sie erst krank gemacht werden durch Menschen, die nicht akzeptieren, dass sie sind, wie sie sind. Einigen Menschen fällt es schwer anzunehmen, dass es mehr als zwei Geschlechter und mehr als eine 'richtige' Form der Sexualität gibt. Vielleicht hat das mit eigenen Ängsten und erlebtem geschlechtlichem Zwang zu tun. Lassen wir diese Ängste und Zwänge los - und es entstehen ganz neue Möglichkeiten.

Versöhnung der Geschlechter kann nur geschehen, wenn Menschen nicht mehr Gewalt angetan wird, in dem Versuch, sie in die Kategorien von Mann und Frau zu pressen. Wenn Menschen sich nicht mehr selbst Gewalt antun müssen, um eine solche Rolle auszufüllen, oder ihr angeblich 'falsches' Begehren zu bekämpfen. Wieso sollen sich die einzelnen Menschen anpassen, warum passen wir nicht die Rollen und (Glaubens-)Vorstellungen der Realität an? Hier ist es unsere Aufgabe, anzunehmen, was ist. Nämlich: Es gibt ganz verschiedene Menschen, und die Unterschiede zwischen uns hängen nur zu sehr geringem Anteil an Geschlechtsorganen, viel mehr an den Erfahrungen, die wir im Leben machen. Zudem gibt es von diesen Organen glücklicherweise diverse Formen und nicht etwa nur zwei.
Es ist nicht immer so gewesen, dass man nur zwei Geschlechter gelten ließ und alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit in diese starren Schubladen zwängte. Es war auch nicht immer so, dass die Frauen für diese und die Männer für jene Aufgaben zuständig waren. Bestimmte Praktiken und Ansichten sind uns heute selbstverständlich und erscheinen dadurch unveränderbar (das ist ja auch bei anderen Themen so).

Ich will mit diesem Text zum Hinterfragen solcher Selbstverständlichkeiten anregen, denn nur so kann meiner Ansicht nach Versöhnung gelingen. Manchmal ist unsere Aufgabe nicht nur das Annehmen, sondern auch das Widersprechen und Verändern, und manchmal – so möchte ich augenzwinkernd hinzufügen – versöhnt  man sich ja auch erst nach einem ordentlichen Streit. Meiner Meinung nach werden sich Männer und Frauen und alle anderen Menschen erst versöhnen, wenn sie Menschen mit gleichen Rechten und Möglichkeiten sind. Und ich denke, dass wir auf diesem Weg starre Vorstellungen von Geschlecht loslassen sollten, anstatt krampfhaft an ihnen festzuhalten.
Darin liegt eine Chance zur Befreiung für uns alle.